von Sarkis Agojan

Die Jesiden sind ein kleines Volk, welches durch religiöse Verfolgung und Diskriminierung in verschiedenen Ländern zerstreut lebt und auch immer mehr in Deutschland an Aufmerksamkeit gewinnt. Zuletzt im Jahre 2014, als die Schergen des selbsternannten „Islamischen Staates“ hunderttausende Jesiden in die Flucht trieben. Mit dem Flüchtlingsstrom nach Deutschland stellt sich vor allem die Frage, inwiefern es zu kulturellen Konflikten kommen könnte. Im Vordergrund steht hierbei die jesidische Frau in der Gesellschaft, die in den Brennpunkt kultureller Spannungen gerät. In dieser Abhandlung wird auf die Rolle der Frau in der jesidischen Mythologie, des religiösen Lebens und in der Geschichte eingegangen. Die Absicht dieser Abhandlung ist jene, dem Leser das Gleichgewicht der Geschlechter – mit Fokus auf die jesidische Frau – zu verdeutlichen und dass jegliche Benachteiligung im Jesidentum weder religiöse noch gesellschaftliche Legitimation genießt.

In der Mythologie

Die Personifizierung menschlicher und mystischer Figuren, von Engeln und Gestirnen ist in vielen uralten Religionen fester Bestandteil – so auch im Jesidentum. In der Mystifizierung dieser uralten Religion haben mehr als 10 Frauen einen Heiligenstatus und werden verehrt. Sie haben bei der göttlichen Ordnung der jesidischen Gesellschaft im spirituellen und politischen Sinne immense Rollen inne.

Als Mütter heiliger Persönlichkeiten werden einige dieser Frauen alleine aufgrund dieser Tatsache schon verehrt. Es handelt sich einmal um „Jêzda“, der Mutter von Sheikh Adi ibn Misafir, dem bedeutendsten Heiligen des Jesidentums. In den sakralen Texten und der mündlichen Tradition ist die Mutter von Sheikh Adi ibn Bereket (dem Vater von Sheikh Hassan) als „Siti Es“ bekannt. „Maka Ezid“ ist die Mutter von „Siltan Ezid“, der mystischen Verkörperung Gottes im Diesseits. In den Hymnen und Botschaften, also der mündlich aufbewahrten jesidischen Liturgie nimmt sie eine vergleichbare Rolle, wie die Mutter von Jesu Christi, Maria von Nazareth, ein und ist auch in theologischen Disputen beteiligt. „Siti Zin“ war die Mutter der Heiligen Sheikh Shemsedin und Sheikh Fakhradin, beides legendäre Philosophen und Teil des jesidischen Pantheons. „Siti Ereb“ war die Mutter der Heiligen Sheikh Nasirdin und Sheikh Sijadin, die ebenfalls Teil des jesidischen Pantheons sind. Dieses Pantheon setzt sich aus 7 Heiligen zusammen, die in der irdischen Welt individuelle Rollen und Aufgaben wahrnehmen und jeweils einen der 7 Engel im Diesseits repräsentieren. Weitere Jesidinnen mit Heiligenstatus sind „Siti Tawis“, „Siti Nefis“, „Siti Bilkhan“, „Siti Nisret“, „Pir Afat“ und „Khatuna Fekhra“. Letztere ist in der jesidischen Mystik als die Hüterin der Geburt und Schutzpatronin schwangerer Frauen. Einmal im Jahr fasten Frauen, die bereits ein Kind geboren haben, ihr zu Ehren. Aufgrund der weiblichen Funktion für das menschliche Leben auf der Erde nimmt sie im Jesidentum eine wichtige Sonderrolle ein. Diese Heiligen waren, wie viele Frauen in der jesidischen Geschichte, ein wichtiger Teil der intellektuellen Elite ihrer Epoche und prägten eine formative Phase des Jesidentums. Im zentralen Heiligtum, in Lalisch, werden ihnen zu Ehren sogenannte „Chira“, Öllampen zu Ehren Heiliger, an bestimmten Orten im Heiligtum entzündet. Die Nachfahren einiger dieser Heiligen leben bis heute und bilden in der jesidischen Gesellschaft eigene Erbgruppen und nehmen verschiedene religiöse Rollen wahr.

Im religiösen Leben

Die jesidische Gesellschaft organisiert sich in drei endogamen Erbgruppen, zwei dieser Einheiten sind Priestergruppen und nehmen religiöse und sozial-politische Aufgaben wahr. Die heilige Würde der Sheikh- und Pir-Familien wird beiden Geschlechtern gleichermaßen verliehen. In vielen Zeremonien sind auch die Gattinnen der Geistlichen aktiv beteiligt und übernehmen wichtige Riten, werden ferner auch als Kontaktperson für die Frauen tätig. Das Jesidentum sieht vor, dass ein Jeside zu seinen Lebzeiten eine „Jenseitsschwester“ bzw. einen „Jenseitsbruder“ bestimmt. Diese Wahlgeschwister können auch vom anderen Geschlecht sein. Nach dem Tod wird ein Mensch laut jesidischer Theologie von seinem „Jenseitsbruder“ oder seiner „Jenseitsschwester“ in die spirituelle Welt begleitet. Die Wahlgeschwister übernehmen im Jenseits eine moralische Mitverantwortung für den Verstorbenen. Bei vielen gesellschaftlichen Anlässen, wie einer Trauerfeier, religiösen Zeremonien oder Ritualen, bewegen sich Frauen vor der versammelten Gesellschaft immer vorneweg. Während wichtiger religiöser und gesellschaftlicher Zeremonien übernehmen Frauen die Führungsrolle.

Wasser spielt in der jesidischen Mythologie und im religiösen Leben als eines der vier Lebenselemente eine essenzielle Rolle. Zwei der wichtigsten Wasserquellen des Jesidentums entspringen in den Gewölben der Tempelstadt Lalisch. „Kaniya Sipi“, die heilige „Weiße Wasserquelle“ dort aus einem unterirdischen Felsen, die Hüterin dieser Quelle ist eine Frau und heißt „Dayê Esmer“. Die Taufe, also das Besiegeln von Jesiden mit dem Tauf-Wasser ist ihr vorbehalten, nur durch ihre Taufe hat das Siegel eine Gültigkeit. Als „Feqra“ wird der in Lalisch ansässige Frauenorden bezeichnet. Darin forcieren sich fromme Tempeldienerinnen und können sich unabhängig ihrer Erbgruppe, dem Asketismus, der religiösen Organisierung, Pflege und Säuberung des Heiligtums widmen.

In der Geschichte

Bereits 2 Mal regierten Frauen als Oberhäupter über das jesidische Volk. Der Zeitgeist ihrer Epoche und das regionale Umfeld kannten kaum eine Gleichberechtigung der Geschlechter oder duldeten eine Frau als politisch-gesellschaftliche Macht. Diese Tatsachen machen die Regentschaft jesidischer Frauen über ihre Fürstentümer noch bemerkenswerter. Sie waren dem Zeitgeist ihrer Umgebung voraus und regierten die Fürstentümer über Jahrzehnte mit besonnener Kühnheit, Intelligenz und großem Mut. Auch standen und stehen jesidische Frauen ihren Ehegatten als Beraterinnen immerwährend zur Seite. Eine jesidische Fürstin mit großem Mut war Neam Khatun (gestorben 1832). Sie war die Ehefrau des jesidischen Fürsten Mir Ali Beg I.. Als sie von der Ermordung ihres Ehemannes erfuhr, ging sie alleine, mit einem versteckten Dolch bewaffnet, zu dem kurdischen Fürsten Mohammed Rawanduz, der ihren Gatten töten ließ. Unter dem Vorwand, den Leichnam ihres Ehemannes anzufordern, griff sie Mohammed Rawanduz mit dem Dolch an, konnte ihn aber nur leicht verletzen. Wegen ihres Mutes ließ Mohammed Rawanduz sie unbestraft und in Begleitung seiner Untertanen gehen, den Leichnam zu transportieren. Doch Fürstin Neam Khatun sehnte immer noch nach Rache und Vergeltung für die versklavten jesidischen Frauen und der Ermordung ihres Ehemannes. In Schingal, einem Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden, angekommen, befahl sie den Jesiden, die Soldaten von Mohammed Rawanduz zu töten und griff weitere seiner Truppen an. Als Strafe ließ Mohammed Rawanduz in einem weiteren Feldzug Neam Khatun durch Erhängen hinrichten.

Eine jesidische Fürstin, die drei Oberhäupter während ihrer Regentschaft begleitete, war Mayan Khatun (1873 – 1957). Sie war die Frau von Mir Ali Beg II. und die Großmutter des mittlerweile verstorbenen weltlichen Oberhauptes der Jesiden, Mir Tahsin Beg. Nach dem Tod ihres Gatten übernahm ihr Sohn das Amt des Oberhauptes, diesem stand sie als Beraterin zur Seite. Nach dessen Tod übernahm sie ein weiteres Mal die Führung des jesidischen Volkes, weil ihr Enkelsohn zu diesem Zeitpunkt noch zu jung war. Für über 20 Jahre war sie das weltliche Oberhaupt der Jesiden, fungierte über 50 Jahre lang als weise Beraterin und konnte die Jesiden so vor Islamisierungsversuchen verteidigen, vereinte viele zerstrittene jesidische Stämme miteinander und stärkte den Zusammenhalt der Jesiden.

“Bei den Yezidi scheint sich die Stellung der Frauen außerdem deutlich von der der muslimischen Frauen zu unterscheiden. Sie tragen keinen Schleier und kennen auch nicht das heute bei den Musliminnen wieder häufiger getragene weite, den ganzen Körper umhüllende Gewand. Nach Meinung vieler Araber, Türken und Perser zeichnen sie sich durch ihre besondere Schönheit aus. Daher waren sie in den türkischen und persischen Harems, aber auch in den Frauengemächern der Kurden sehr begehrt. Aus ihrer Familie geraubt und zwangsweise in den Harem gesperrt, wurde die Yezidi-Frau auch Thema der Literatur.“

Prof. Dr. Gernot Wießner: „…Geschichte und Religion der Yezidi”, 2004

Schon vor Jahrhunderten bemerkten europäische Reisende, Forscher und Literaten wie Karl May, Sir Austen Henry Layard, August von Haxthausen und andere, dass die Jesidinnen sich deutlich freier verhielten und fühlten, als ihre zumeist muslimischen Nachbarn. Sie wurden von jesidischen Männern respektiert und hochgeachtet.

„Wir ritten bei Zelten nomadisierender Tataren vorüber, und erblickten endlich das Ziel unserer Reise, die Zelte der Jesiden. Der alte Abowian ritt voraus, um zu fragen, ob unser Besuch freundlich aufgenommen werde, winkte uns aber bald, und als wir uns näherten, kamen zuerst die Weiber und Kinder uns entgegen und hielten uns freundlich die Pferde. Die Weiber waren ganz ohne Scheu und sehr frei in ihrem ganzen Benehmen.“

August von Haxthausen: „… Transkaukasia (Dritter Teil), 1856
„Wer den Lichtern der Priester nahe zu kommen vermochte, fuhr mit der Hand durch die Flamme derselben und bestrich dann mit dieser Hand die Stirn und die Gegend des Herzens. Männer strichen dann zum zweiten Mal durch die Flamme, um den Segen derselben ihren Frauen zu bringen.“

Karl May: „Gesammelte Reiseromane – Band II.“, 1892

Die jesidische Spiritualität sieht eine Gleichberechtigung von Mann und Frau vor. Es gibt in der jesidischen Religion keine Elemente, die eine Benachteiligung oder Diskriminierung der Frau rechtfertigen. Ungleichbehandlungen darf es also nicht geben. Hier in Europa stehen aber manche Jesiden mit den liberalen westlichen Werten und ihrer traditionellen Erziehung im Konflikt. Diese Konflikte haben nicht die Religion, sondern ein patriarchales Rollenverständnis, stammend aus dem kulturellem Umfeld der Herkunftsregionen als Ursache. Jedoch unterscheidet sich laut Martin Affolderbach & Ralf Geisler (2007) die jüngere Generation von Jesiden im Hinblick auf traditionelle Geschlechterrollen nicht mehr von ihrem modernen gesellschaftlichen Umfeld in Deutschland.

Literatur & Quellen

Rudolf Frank: „Scheich Adi, der grosse Heilige der Jezîdîs“, 1910

Pîr Dîma & L. Îavasko; S. Grîgoriyêv: „Lalişa Nûranî – Peristgeha Êzidiyan“, 2008

Bedel Feqîr Hecî: „Bawerî û Mîtologiya Êzidîyan: Çendeha Têkist û Vekolîn“, 2002

Dengê Êzîdiyan Oldenburg, 6 & 7 Ausgabe: „Die Beziehungen des Sufismus zum Yezidentum“, 1997

Dengê Êzîdiyan Oldenburg: „Yezidische Helden – Mêrxasên Êzîdiyan“, 2011

Chaukeddin Issa: „Das Jesidentum – Religion und Leben“, 2016

Martin Affolderbach & Ralf Geisler: „Die Yeziden“, 2007

Dîar Khalaf & Hayrî Demir: „Mythos und Legende der Şêx Mend und das Symbol der Schlange“, 2013

www.ezipedia.de/sitiya-zin

www.ezipedia.de/daye-serin

www.ezipedia.de/kaniya-sipi-die-weisse-quelle