von Gohdar Alkaidy

Seit über 4000 Jahren existieren die Jesiden in der Region Schingal im Nordirak und genau so lange sind sie bereits Opfer von Verfolgung, Mord und Terror. Dennoch haben sie sich in ihrer Tradition und Kultur kaum verändert. Wir haben sie besucht und eine faszinierende Gesellschaft entdeckt – noch bevor die schwarze Terror-Miliz über ihr traditionelles Siedlungsgebiet herfiel.

Am späten Nachmittag kommen wir im Tempel-Thal von Lalisch an. Eine überschauliche Oase im Wüstengebiet, 50 Kilometer nördlich von Mossul, das heute unter der Besetzung und Zerstörung durch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ steht und leidet. In Lalisch steht der Schrein des Heiligen Sheikh Adi und bildet so das zentrale Heiligtum der Jesiden. Darüber erheben sich drei große Spitztürme, Qubs genannt, die von weither zu sehen sind. Vor dem Tempel liegt der „Markt der Erkenntnis“, ein großer Platz, an dem sich die Pilger während der Feste aufhalten und feiern.

„Jeside zu sein, heißt ein guter Mensch zu sein, doch man muss nicht Jeside sein, um gut zu sein“, heißt es dort in einem Gebet. Und tatsächlich, in Lalisch wird jeder – ob Jeside, Christ, Moslem oder auch Atheist – so herzlich begrüßt, als gehöre er zur Familie.

Die Güte eines jeden Menschen stehe im Vordergrund, erklärt uns ein jesidischer Gläubiger. Diese Offenheit kommt an: „Viele muslimische Kurden, selbst Europäer, kommen und fragen beiläufig, ob man denn nicht Jeside werden könne“, sagt uns ein Würdenträger, der uns auf heiligem Boden in Empfang nimmt. Obwohl dieser nur Barfuß betreten werden darf, trampeln wir mit unseren Schuhen darauf herum. Erst zu spät bemerken wir unseren Fauxpas. Erstaunlich: Keiner der Anwesenden spricht uns darauf an, findet es anstößig oder verdreht die Augen. „Ich muss dann erstmal erklären, dass alle Menschen vor Gott gleich sind”, fährt der Mann unbeeindruckt fort. Man könne den wahren Weg auch gehen, ohne ein Zertifikat oder einen Stempel zu erhalten. Man könne im Herzen das sein, was man sein möchte, auch ein Atheist könne den wahren Weg gehen, ohne an eine Übermacht zu glauben. “Und ganz zum Schluss füge ich oft flüsternd hinzu, dass man als Jeside aber nur geboren werden kann“, aus seinem Lächeln wird ein herzhaftes Lachen.

„Oh Herr beschütze erst die andern Völker, dann erst uns“ – ein Gebet, das für ihre Toleranz steht – ungehindert der Grausamkeiten, die Generationen um Generationen erleben mussten.

Ihre Friedfertigkeit machte das jesidische Volk immer wieder zu Zielscheiben ihrer Nachbarn. Bislang sind in der Geschichte der Jesiden unglaubliche 72 Genozide und Massaker nachgewiesen. Die überwältigende Mehrheit begangen von fanatischen arabischen und kurdischen Islamisten.

Der letzte Überfall jetzt im Sommer 2014: In Schingal, dem Kerngebiet der Jesiden, wurden mindestens 5000 Männer und Frauen, Kinder und Greise auf bestialische Art ermordet nachdem sie den Islam als Religion nicht aufgezwungen haben wollten. Mehr als 7000 wurden von der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ verschleppt und auf Sklaven-Märkten wie Vieh zum Kauf angeboten.

Und dennoch sind die Jesiden Stolz darauf sagen zu dürfen, „für unsere Religion fügen wir niemandem Schaden zu.“ Während der Armenierverfolgung während des ersten Weltkriegs haben die Jesiden etwa 20.000 Christen bei sich aufgenommen und vor dem sicheren Tod bewahrt. Diese Banden aus schweren Zeiten bestehen immer noch zwischen ihnen und den im Irak lebenden Christen, die immer noch die Sprache Jesu Christi sprechen.

Dabei gehen die Wurzeln des Jesidentums auf mehr als 2000 Jahre vor Christus zurück.

In diesem Glauben findet man Elemente aller längst vergangenen Kulturen aus dem Zweistromland, der Wiege der Zivilisation: Von den alten Babylonieren über den Mithraismus bishin zur Gnostik.

Auf die Frage, warum die Jesiden keine verbindliche Schrift haben, wie die Christen beispielsweise die Bibel, antwortet der Mann in seinem weißen Gewand: „Stellen Sie sich vor, vor 4000 Jahren hätten wir alles schriftlich festgehalten. Wie würden Sie jetzt damit umgehen in modernen Zeiten? Und stellen Sie sich vor, wie altertümlich und dennoch modern das Jesidentum ist. Wir passen uns an die Zeiten an und haben das der Tatsache zu verdanken, dass wir mündlich überliefern.“

Und als wären wir nicht schon überzeugt genug, gab er ein „Qewl“, ein Gebet in Gesangform zum Besten – auch wenn wir kein Wort verstehen können, versetzt es uns in dieser archäologischen Fundgrube in längst vergangene Zeiten.

Dem Monotheismus im Jesidentum kommt eine große Bedeutung zu. Man kennt nur einen Allmächtigen, der über alles herrscht. In der jesidischen Glaubensvorstellung ist es Gott, der über das Paradies und die Hölle herrscht, es existiert keine gottgleiche Macht die ohne Gottes Fürsprache agieren kann. Unser jesidischer Würdenträger spricht in diesem Zusammenhang immer von „Böse“. Damit meint er den Teufel, für den die Jesiden nicht einmal einen Begriff kennen. Von manchen hört man als Synonym „Şaitan“ aus dem Arabischen, was soviel wie Satan oder Teufel bedeutet.

Seelenwanderung

Die Jesiden glauben trotz der Glaubensvorstellung von Paradies und Hölle auch an die Wiedergeburt. Die Wiedergeburt ist jedoch nur besonderen Menschen vorbehalten und niemand weiß, welche Taten oder welches Verhalten im Diesseits zur Wiedergeburt führt. Man glaubt nicht an den Tod der Seele, die Seele kehrt nach dem Tod des Menschen zu seinem Herren zurück. Dieser Aspekt jesidischen Jenseitsglaubens nennen sie „Kiras guhartin“ – wörtlich übersetzt heißt es das „Kleid wechseln“. Mit „Kleid“ meinen sie die menschliche Hülle, den Körper für jede Seele – also die Wiedergeburt als neuer Mensch.

“Das alles heißt aber nicht, man kann einfach sein Unwesen treiben”, sagt er uns schmunzelnd.

Nur der Mensch selbst ist für sich verantwortlich

Das Einzigartige bei den Jesiden ist, dass man nie einen Schuldigen sucht, sondern sich in erster Linie immer selbst hinterfragen soll.

„Gott hat uns einen gut funktionierenden Verstand verliehen. Du kannst nicht nur selbst denken als Mensch, sondern auch sehen und hören.“ Jeder müsse selbst entscheiden, welcher Weg für ihn der richtige sei.

Das Symbol der Gestalt des Tausi Melek, dem obersten Engel von insgesamt sieben ist allgegenwärtig: Ein Pfau mit ausgefächertem Federkleid. Weil Tausi Melek sich vor dem Menschen nicht verneigen wollte und er nur Gott huldigte, wurde er von Gott zum obersten Engel emporgehoben. Im Islam wird Tausi Melek dem „gefallenen Engel“ und im Koran dem Teufel gleichgestellt. Doch ist der Koran im Gegensatz zur jesidischen Mythologie sehr jung und man kann behaupten, so Theologen und Wissenschaftler, dass Elemente im Koran nicht nur aus dem Christen- sondern auch dem Jesidentum entlehnt und abgeändert wurden.

Weltweit leben noch geschätzt 800 000 Menschen den jesidischen Glauben aus. In aller Welt und doch hauptsächlich im Irak. 500 000 von ihnen befinden sich derzeit auf der Flucht. Und es liegt nun an uns, an jene, die in Freiheit leben, ihr Leid nicht vergessen zu machen.