Am 03.März kam es im Norden Schingals, in Khanesor, zu mehrstündigen und heftigen Gefechten zwischen jesidischen Yekîneyên Berxwedana Şingal (YBŞ) und sogenannten Rojava-Peschmerga, die von der Regierung der Autonomen Region Kurdistan befehligt werden.

Was von der Weltöffentlichkeit nur einer Randnotiz würdig zu sein scheint, kennzeichnet die Zeit nach der Vertreibung der Terror-Miliz Islamischer Staat aus dem Irak: Denn dann treffen sich in dieser jesidischen Region die gegensätzlichen Interessen der kurdischen Regierung in Erbil, der kurdischen Arbeiterpartei PKK, der irakischen Regierung und schließlich der jesidischen Bevölkerung von über einer halben Million, der bis dato größtenteils verwehrt blieb, wieder in die befreiten Gebiete zurückzukehren. Anzumerken ist hierbei, dass bis jetzt und seit mehr als zwei Jahren immer noch mindestens 13 jesidische Dörfer unter islamistischer Kontrolle sind.

Kämpfer des Islamischen Staates

Sollte die Weltgemeinschaft nicht ernsthaft zwischen den einzelnen Parteien und Gruppen in Shingal vermitteln, wird sich über kurz oder lang nicht nur ein bewaffneter Konflikt, sondern ein langwieriger Stellvertreterkrieg entwickeln.

Die Jesiden sind hier in zweierlei Hinsicht von diesem Konflikt betroffen: Während sie sich zum Teil selbst unter Heyder Schescho mit der Hêzên Parastina Êzîdxan (HPÊ) und anderen kleineren Gruppen militärisch organisiert haben, werden sie auf der anderen Seite von der PKK als YBŞ und von der kurdischen Regierung in Erbil als Peschmerga ins Feld geführt.

Jesidische Volksverteidigungskräfte

Auch innerhalb der jesidischen Gesellschaft selbst existieren starke Diskrepanzen: Seit dem Rückzug von über 10.000 Peschmerga am 03.August 2014 aus Shingal und dem so begünstigten Einfall der Terror-Miliz ISIS wird die Frage immer lauter, ob sie ethno-religiös jesidisch oder zur kurdischen Volksgruppe zugehörig sind. Daraus folgt gezwungenermaßen der zweite Streitpunkt: Gehört Shingal zum Irak oder zur Autonomen Region Kurdistan? Denn de jure wird die Region von der Zentralregierung in Bagdad verwaltet, de facto jedoch von der kurdischen Regierung.

Eine geplante Volksabstimmung zu dieser Thematik soll laut Artikel 140 der irakischen Verfassung durchgeführt werden.

Allerdings wird der kurdischen Regierung von Bagdad vorgeworfen, dies absichtlich zu sabotieren. So soll genau das ein Grund für den schicksalhaften Peschmerga-Rückzug gewesen sein. Auch dass den Jesiden bis heute eine Rückkehr in die befreiten Gebiete verwehrt wird, soll erstens der Vermeidung der Volksabstimmung und zweitens einer besseren Kontrolle der Jesiden in den Flüchtlingslagern dienen. Auf den Punkt gebracht: Der Konflikt zwischen Erbil und Bagdad ist bereits seit der Entsendung der Peschmerga nach Shingal – noch vor der Eroberung durch ISIS – vorprogrammiert! Um zumindest ansatzweise Einfluss in Shingal zu wahren, war der Irak von Anbeginn der Operationen der PKK in Shingal bemüht, mit dieser Organisation, die von der EU, den USA und anderen Ländern als Terrorgruppe eingestuft wird, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen: Und zwar als Gegengewicht zur PDK, der Regierungspartei des kurdischen Präsidenten Masud Barzani.

Und damit stehen sich nicht nur der Irak und Barzani gegenüber.

Auch die Türkei könnte als Verbündeter Erbils aktiv involviert werden. Und wenn das geschehen sollte, ist es nicht abwegig, dass auch Teheran – inzwischen zur regionalen Großmacht aufgestiegen – gehörig mitmischen wird. So wird der Konflikt unüberschaubarer und komplizierter. Die syrisch-irakische und die syrisch-türkische Grenze werden weiter aufgrund der „kurdischen Frage“ zwischen allen drei Ländern verfließen. So kann der bereits in vollem Gange befindliche Krieg in den kurdischen Gebieten der Türkei weiter verschärft und durch Waffen- und Truppenverschiebungen aus dem Irak und Syrien in die Türkei weiter verschlimmert werden.

Ein Lösungsansatz ist in Washington als Vermittler zu finden, zumal die USA mit den Kurden im Nordirak und in Syrien koalieren.

Auch Moskau ist nicht weniger gewichtig in dieser Auseinandersetzung. Erst kürzlich sollen Kurden und Russen eine Abmachung getroffen haben, die die Pläne der Türkei, nach Manbij vorzudringen, durchkreuzten: Mehrere Ortschaften und Dörfer auf der Route nach Manbij wurden von Kurden unter Vermittlung der Russen an Assads Truppen übergeben. Im Klartext heißt das für Ankara, gegen Regime-Truppen aufzumarschieren, um nach Manbij zu kommen.

So ist eine Koalition der syrischen Kurden mit Russland und den USA nicht abwegig. Das bringt uns wieder nach Shingal und den Jesiden. Um diesen noch eine größere Katastrophe zu ersparen, muss den Jesiden die Verantwortung für ihre Siedlungsgebiete überlassen werden – notfalls unter internationaler Aufsicht, die Bagdad und Erbil nicht zwangsläufig ausschließen muss. Damit wären die verfeindeten Parteien PKK und PDK nicht mehr auf Konfrontationskurs. Und wenn man es so nennen will, wäre Shingal sogar eine Pufferzone zwischen ihnen und ein Garant für Stabilität.