Newroz, auch Nowruz, Nauruz oder Nevruz geschrieben, bedeutet „Neuer Tag“ und steht für das Neujahrsfest vieler indoiranischer Völker. Weltweit feiern über 300 Millionen Menschen diesen Tag. Die große Gewinnfrage ist: Hat Newroz einen kulturellen oder gar religiösen Stellenwert für die Jesiden und wird mit diesem Tag auch für die Jesiden das Neujahr eingeläutet?

Antwort: Nein. Newroz hat keinen kulturellen und schon gar keinen religiösen Wert für die Jesiden und im Jesidentum.

Das Neujahrsfest der Jesiden, das sowohl weltlichen als auch religiösen Charakters ist, ist das „Çarşema serê nîsanê“, nach jesidischem Kalendarium der erste Mittwoch im April, bzw. das „Kiloça serê salê“, wie es bei den aus der Region Serhed stammenden Jesiden heißt. Während das Newroz-Fest in der heutigen Form erst seit dem zweiten Jahrhundert begangen wird, wird davon ausgegangen, dass das jesidische Neujahrsfest dem Akitu-Fest der Sumerer (3. Jahrtausend v. Chr.) und Babylonier nahesteht oder parallel zu diesem entstanden ist. Zwar feiern viele Jesiden das Newroz-Fest, allerdings ist das zunächst nur auf die geographische Nähe zu den iranischen Völkern zurückzuführen. Darüber hinaus ist Newroz eine Feierlichkeit des Miteinanders, was die Allgemeinheit zum Mitwirken einlädt.

Was vielen Jesiden allerdings nicht bewusst ist, ist folgender Umstand: das Newroz-Fest wird von vielen politischen Richtungen dazu missbraucht, das Jesidentum in seinen essentiellen, religiösen Bestandteilen zu verfälschen. Dies geschieht darin, dass nicht nur sakrale Texte erfunden und als echte jesidische Gebete verkauft werden, sondern dass auch Zarathustra und der Zoroastrismus in die jesidische Mythologie und den Glauben so augenscheinlich – das eignet sich das Newroz-Fest ideal – wie nur möglich implementiert werden, als wären diese feste Bestandteile des Jesidentums. Es handelt sich dabei insbesondere um die Texte „Qewlê Zerdeşt“, „Qewlê Pîrê Sîba“ und „Qewlê Newroz“, die in den letzten Jahrzenten erfunden und in Umlauf gebracht wurden. Dies geschieht vor allem durch politische Parteien, die auf Unabhängigkeit pochen und das Kurdentum vom Islam abgrenzen möchten. Denn wäre die überwiegende Mehrheit der Kurden nicht muslimisch und darüber hinaus nicht auch strenggläubig, würden diese sich nicht als Teil der „islamischen Umma“ – also der gesamtislamischen Einheit– betrachten und die Unabhängigkeitsbestrebungen wären umso stärker. Leider wird aber dabei besonders die jesidische Jugend in seinen Grundfesten mit dieser Vorgehensweise so manipuliert, dass diese oft glaubt, Zarathustra hätte einen religiösen Wert im Jesidentum und das Jesidentum sei damit sogar dem Zoroastrismus entsprungen, was ebenso eine Verfälschung darstellt und nicht stimmt.

Was die Feierlichkeiten zu Newroz angeht: wir wünschen allen Feiernden – ob Jeside oder nicht-Jeside – ein frohes Neues Jahr. Vergesst dabei nicht, den Tausenden Toten und Vermissten von 2014 zu gedenken.