In der heutigen Zeit – und besonders immer dann, wenn die Zeit Schwierigkeiten mit sich bringt – kommt es vermehrt unter Jesiden zur Ablehnung, ja sogar zur Verunglimpfung und Beleidigung unserer Würdenträger der Pirs und Sheikhs. Oft, wenn nicht gar immer, ist dies unter Mirîds der Fall, wenn historisches Wissen über diese religiösen Würdenträger fehlt. Denn eines ist sicher: ohne Pîrs und Sheikhs hätten wir Jesiden keine 1400 Jahre Widerstand leisten können und wären mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgemerzt, assimiliert und vor allem islamisiert worden.

Die Geschichte der Jesiden hat immer wieder gezeigt, dass es diese Würdenträger waren, die immer und immer wieder im wahrsten Sinne des Wortes ihren Kopf für unseren Glauben hingehalten haben. Dazu erwähnen wir einige wenige Sheiks und Pirs, die ihr Volk, die Jesiden, vor Unheil unter Einsatz ihres Lebens bewahrt haben. Dabei bedarf es nicht einmal der Erwähnung des Heiligen Sheikh Sherfedîn, der bis heute eine Galionsfigur des jesidischen Widerstands und der Auferstehung unseres Volkes ist.

Sheikh Yezdîn (16. Jahrhundert)

Die Macht Sheikh Yezdîns ist allein daran abzulesen, dass er ab dem Jahre 1516 bis zu seinem Tod über die mächtige Stadt und Region Aleppo (Syrien) herrschte. Mit seinem diplomatischen Geschick, aber auch durch seine solide militärische Aufstellung ersparte er den Jesiden viel Blutvergießen und bewahrte sie vor gänzlicher Islamisierung durch das Schwert.


Mîr Hussein Beg Dasinî (16. Jahrhundert)

Mîr Hussein Beg Dasinî vereinigte drei große Fürstentümer unter sich, was die politische und militärische Stellung der Jesiden jahrelang wesentlich verbesserte und wodurch er mehrere Feldzüge arabisch-kurdischer Muslime abwehren konnte. Erst durch tatkräftige finanzielle und militärische Unterstützung der muslimischen Heere durch die Osmanen, konnte er entmachtet werden. Im Zuge dieser Verschwörung wurde er von den Osmanen hingerichtet. Sein Einfluss jedoch blieb für die Jesiden über seinen Tod hinaus eine schützende Hand.

Êzidî Mîrza, Mîrza Dasinî (1600 – 1651)

Einer der legendärsten und einflussreichsten Jesiden inmitten osmanisch-islamischer Einflusssphäre war wohl Sheikh Êzidî Mîrza bzw. Mîrza Dasinî. Er tat sich in den Kriegen zwischen dem Osmanischen Reich und den Safawiden als Befehlshaber jesidischer Truppen hervor und wurde für seinen Mut und seine Leistungen ausgezeichnet und wurde sogar mit dem Ehrentitel „Pascha“ und zum Herrscher über das damals mehrheitlich von Jesiden bewohnte Mossul auserkoren. Das Glück wehrte nicht lang und die Osmanen ihn nach einem Jahr wieder aufgrund seiner nicht-islamischen Abstammung entmachteten und versuchten, die Jesiden in der Region wieder zu unterjochen. Daraufhin rebellierte Êzidî Mîrza gegen die Osmanen, wehrte sich gegen sie und zog für sein Volk in den Kampf und gab schließlich sein Leben 1651 in einer der zahlreichen Schlachten, die er schlug.

Sheikh Mîrza Anqosî (18./19. Jahrhundert)

Sheikh Mîrza Anqosî ist einer der bekanntesten jesidischen Persönlichkeiten jüngerer Geschichte. Bis heute werden seine Heldentaten durch Lieder und Geschichten am Leben gehalten: durch seinen Einsatz für die Jesiden in einer feindlichen Zeit und Region wurde er von kurdischen Islamisten an die Osmanen verraten und er wurde in Diyarbekir eingekerkert, was Empörung in Schingal, Sheikhan, Khaltan und im Kaukasus hervorgerufen hat. Trotz Folter, Schläge und Aushungern gelang ihm die Flucht aus dem Kerker. Auf sich allein gestellt, floh er im Feindesgebiet in die winterlichen Berge, wo er letztlich aufgefunden und getötet wurde.


Mîr Alî Beg der Große (gestorben 1832)

Mîr Alî Beg war das weltliche Oberhaupt der Jesiden. Als der kurdische Fürst Mohammed Rewanduzî Beg über Sheikhan herfiel, Tausende Jesiden ermordete und rund 10.000 jesidische Kinder und Frauen versklavte, startete Mîr Alî Beg trotz aussichtsloser Chancen einen Verteidigungsversuch nach dem anderen, was die kurdischen Muslime zwar zermürbte, aber nicht schlagen konnte. In einer Schlacht schließlich wurde der Mîr von Mohammed Rewanduzî gefangen genommen. Daraufhin begann ein wochenlanges Martyrium für das weltliche Oberhaupt der Jesiden: er wurde aufs Erbarmungsloseste gefoltert, um ihn zur Annahme des Islam zu zwingen, da die Muslime so mit dem jesidischen Oberhaupt als Konvertiten quasi alle Jesiden zum Islam bekehrt hätten. Doch Mîr Alî Beg weigerte sich, seinen Glauben aufzugeben und hielt seinen Kopf zum letzten Schwerthieb hin.

Daraufhin wurde er in ein Tal mit einem Wasserfall gebracht, im heutigen Erbil/Hewlêr. Dort tat er seinen letzten Atemzug vor seiner Ermordung. Bis heute heißt dieses Tal mit dem Wasserfall, das eine touristische Attraktion ist und an seinen Mut und seine Treue erinnert, „Gelî Alî Beg“, was „Tal des Alî Beg“ bedeutet. Mit ihm verschwand der letzte unabhängige jesidische Fürst.


Neam Khatun (gestorben 1832)

Neam Khatun war die Ehefrau des letzten jesidischen Fürsten Mîr Alî Beg. Als dieser vom kurdischen Fürsten Mohammed Rewanduzî ermordet wurde und sie das erfuhr, schwor sie sich Rache. Sie begab sich allein und mit einem versteckten Dolch zu Rewanduzî. Als sie ihn an seinem Hof antraf, forderte sie von ihm die sterblichen Überreste ihres Ehemannes – und ergriff diese Chance auf Rache sehnend: sie attackierte den Fürsten mit ihrem Dolch, konnte ihn jedoch nur leicht verletzen. Weil sie großen Eindruck beim kurdischen Fürsten hinterließ, ließ er sie ungestraft davongehen und gab ihr den Leichnam von Mîr Alî Beg. Des Weiteren beorderte Rewanduzî einige seiner Kämpfer Neam Khatun als Träger des Leichnams zu begleiten.

Doch Neam Khatun sehnte noch immer nach Rache für die versklavten und geschändeten jesidischen Kinder und Frauen und für ihren getöteten Ehemann. In Schingal angekommen, mobilisierte sie Männer zum Kampf gegen Rewanduzîs Truppen in der Region und hatte anfänglich auch Erfolge zu verzeichnen. Jedoch zog wieder Rewanduzî mit einer Überzahl an Truppen gen Schingal, schlug Neam Khatuns Truppen und ließ sie durch Erhängen hinrichten.

Mîr Hussein Beg (gestorben 1879)

Mîr Hussein Beg war der Sohn des hingerichteten Mîr Alî Beg des Großen und der Neam Khatun, die einen Rachefeldzug gegen die muslimischen Kurden führte. Bevor Neam Khatun ihren tödlichen Feldzug antrat, brachte sie ihren Sohn Hussein Beg im Schingal-Gebirge in Sicherheit. Jahre später und als erwachsener Mann wurde Mîr Hussein Beg zum neuen Oberhaupt der Jesiden. Er tat sich besonders als hervorragender Stratege hervor: kurz vor seiner Ernennung zum Oberhaupt kannte ihn kaum jemand außerhalb der jesidischen Gemeinschaft, verbündete er sich schnell in seiner Funktion als Oberhaupt der Jesiden mit den Osmanen, um gegen die Mörder seiner Eltern militärisch vorzugehen. So verschaffte er seiner Gemeinschaft eine Verschnaufpause gegen Unterdrückung und Verfolgung.


Mîr Alî Beg (19./20. Jahrhundert)

Mîr Alî Beg war der Sohn von Mîr Hussein Beg und sein Nachfolger als weltliches Oberhaupt der Jesiden. Als die Jesiden zwischen 1891 bis 1893 von dem kurdischen Pascha des Osmanischen Reiches Omar Wahbi Pascha (Farik Pascha) ohne Vorwarnung angegriffen wurden, geriet der Mîr mit seiner Frau Meyan Khatun in Gefangenschaft. Islamistische Kurden nahmen zeitgleich auch das Heiligtum Lalish ein und missbrauchten es als Koranschule.

Mîr Alî Beg wurde gefoltert, um den Islam anzunehmen. Doch er blieb standhaft. Daraufhin entging er auf wundersame Weise der Ermordung und wurde ins Exil verbannt. Nach wenigen Jahren konnten sich die Jesiden in Schingal mobilisieren und Wahbi Pascha und seinen Sohn von dort vertreiben. Mîr Alî Beg kehrte nach Lalish zurück und konnte Lalish durch Diplomatie und viel Bestechung zurückgewinnen und restaurierte das Heiligtum erneut.


Meyan Khatun (19./20. Jahrhundert)

Meyan Khatun war die Frau von Mîr Alî Beg, die sich als Frau in einer Zeit fernab von Frauenrechten und Feminismus in einer patriarchalen Gesellschaft nicht nur als Oberhaupt der Jesiden durchsetzen konnte, sondern ausnahmslos von den Jesiden als weltliches Oberhaupt akzeptiert wurde. Sie war eine geschickte Anführerin, die es wusste, verschiedene zerstrittene jesidische Stämme zu vereinen und den Zusammenhalt zwischen ihnen zu stärken. 20 Jahre lang war sie de facto an der Spitze der jesidischen Gesellschaft und verwehrte mehrere arabisch-kurdische Islamisierungsfeldzüge gegen die Jesiden ab.

Quellen:

Ismail, Alia Bayezid: „Ihre Spuren sind bis heute nicht verwischt: Hussein Beg al-Dassini und Ali Beg, Sohn des Hassan Beg“, in: „Yezidische Helden – Mêrxasên Êzîdiyan“, Oldenburg, 2011, S. 44 – 89.

Guest, John S.: „The Yezidis: A Study in Survival”, London, 1987.

Brennan, Shane und Herzog, Mar: „Turkey and the Politics of National Identity: Social, Economic and Cultural Transformation”, London, 2014.

Acikyildiz, Birgul: „The Yezidis: The History of a Community, Culture and Religion”, London, 2014.

Prof. Barb, Heinrich Alfred: „Geschichtliche Skizze der in der Chronik von Scheref behandelten dreiunddreissig verschiedenen kurdischen Fürstengeschlechter“, 1856.

Azad, Abu: „Das Land der Dassini – ein Symbol des Widerstandes gegen Unterdrückung und Verfolgung“, in: „Yezidische Helden – Mêrxasên Êzîdiyan“, Oldenburg, 2011, S. 13-20.

Hecî, Bedel Feqîr: „Hevrikya Şemsanî, Adanî u Qatanyê li ser mîryatîya Êzidîyan“, Zeitrschrift „Êzdînas 1 – Kovara Navenda Lêkolînên Êzdînasiyê“, Dengê Êzîdiyan, Oldenburg, 2014.

Dr. Reşo, Xelîl Cindi (Dr. Khalil Jindy Rashow): „Mirgeha Şêxan û Şingal û Kilîs“, Zeitschrift „Roj“, 6. Ausgabe, 2003.