Der nachfolgende Artikel wurde von Dimitri Pirbari (Pîr Dîma) in russischer Sprache verfasst und von Sarkis Agojan übersetzt.

Mit der Annexion des Eriwaner Khanats und Georgiens durch das Russische Kaiserreich konnte die lokale Bevölkerung friedlich miteinander leben und sich entfalten. Im benachbarten Osmanischen Reich und in Persien waren Plünderungen, Raubüberfälle und Pogrome keine Seltenheit. Die Jesiden, die in Gebieten an der Grenze zu Russland lebten, sind zu Arbeitszwecken häufig nach Tiflis gependelt. Sie sprachen von einer beeindruckenden Stadt, in der unterschiedliche Bevölkerungsgruppen aufeinandertrafen und friedlich miteinander lebten.

Russland war zu jener Zeit das fortschrittlichste Land und, insbesondere in der Region Tiflis, relativ tolerant gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppierungen, was die Jesiden dazu veranlasste, sich dort niederzulassen. Während des Ersten Weltkriegs und der Feindseligkeit zwischen Russland und dem Osmanischen Reich, wurden Armenien und Georgien von Flüchtlingen überflutet. Jesiden, Armenier und Assyrer aus dem Vilayet von Van, der Region Kars, dem Bezirk Surmali und dem Sanjak Bayazid mussten in das Zarenreich fliehen, das sich zu jenem Zeitpunkt bereits aus Transkaukasien zurückgezogen hatte.

1918 wurde Georgien zu einer unabhängigen Republik, welche versuchte, seine Unabhängigkeit zu wahren. Nach drei Jahren – 1921 – konnte diese Unabhängigkeit nicht mehr aufrechterhalten werden. Einige der jesidischen Flüchtlinge kamen nach Tiflis und befanden sich in einer schwierigen Lage: Zahlreiche verloren auf der Flucht ihre Angehörigen und in Tiflis brach eine Hungersnot aus. Um die Flüchtlinge mit Lebensmitteln zu versorgen, beschloss die jesidische Oberschicht in Zusammenarbeit mit armenischen Intellektuellen, die gemeinsamen Sorgen der Flüchtlinge zu lindern.

Im Jahr 1919 wurde in Tiflis der „Jesidische Nationalrat“ (Национального совета езидов) gegründet, der die Verantwortung für das Schicksal des jesidischen Volkes übernahm. Vor allem armenische Intellektuelle, insbesondere Hakob Ghazaryan (1869 – 1926), ein berühmter Freund der Jesiden, Schriftsteller, Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und Lehrer, bekannt unter dem Pseudonym Lazo, half den damals ungebildeten jesidischen Flüchtlingen. Er war mit den Jesiden gut vertraut, da er angesichts seiner Herkunft (gebürtiger Bayazid) das Kurmanji hervorragend beherrschte. In dieser Sprache publizierte er neben zahlreichen Werken außerdem das Shams-Alphabet, das auf dem armenischen Alphabet basierte. Später, bereits unter sowjetischer Herrschaft, unterstützte er die Jesiden weiterhin und wurde 1922 zum Direktor einer speziell für die Jesiden errichteten Schule bestellt.

Um nicht vom Thema abzuweichen, sollte näher auf die Gründung des „Jesidischen Nationalrats“ eingegangen werden, da dies ein bedeutendes Ereignis in der jesidischen Geschichte darstellt: denn sie gilt als die erste offizielle und juristisch registrierte jesidische Organisation der Welt. Die verfassungsgebende Versammlung der Jesiden wurde im Namen des Mir Ismail Chol Beg (1888 – 1933) einberufen, einem Vertreter der jesidischen Emir-Familie, der zwar nicht offiziell als Oberhaupt aller Jesiden anerkannt wurde, unter den Jesiden aber aktiv war und den Anspruch auf das höchste Amt des weltlichen Oberhauptes der Jesiden in Frage stellte. Mir Ismail Chol Beg besuchte 1909 die Jesiden Transkaukasiens, begab sich nach Tiflis und führte nach seiner Rückkehr in sein Heimatland, den Irak, weiterhin Korrespondenz mit Jesiden und Armeniern. Es ist gut möglich, dass Lazo und die Jesiden in seinem Namen ein Gipfeltreffen einberufen haben, um der Organisation Legitimität zu verleihen.

Im Anhang befinden sich das Protokoll der Gründungsversammlung (in russischer Sprache), die an den Vorsitzenden der Regierung der Republik Georgien gerichtete Erklärung (in russischer Sprache) sowie die Korrespondenz des Polizeichefs von Tiflis mit dem georgischen Innenministerium über die Anerkennung des Nationalrats der Jesiden (in georgischer Sprache). Das Protokoll und die an den Premierminister gerichtete Erklärung wurden von Lazo und Arshak Babov unterzeichnet. Darunter befindet sich ein ovales Siegel in armenischer und russischer Sprache mit der Aufschrift „Jesidischer Nationalrat“ und in der Mitte des Siegels steht „Tiflis“. An dieser Stelle bleibt anzumerken, dass die Regierung der Republik Georgien den Jesiden die Registrierung des „Jesidischen Nationalrats“ nicht verweigert hat, was durch die im staatlichen historischen Archiv Georgiens aufbewahrten Dokumente bestätigt wird.

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Minister für Bürgerangelegenheiten des Premierministers der Republik Georgien

Bevollmächtigte des Jesidischen Nationalrats

Lazo und Arshaka Babova

ANTRAG

Wir übermitteln Ihnen eine Kopie der Übersetzung zur Versammlung der Jesiden von Tiflis, die ihren Nationalrat organisiert haben und bitten Sie, Herr Minister für Bürgerangelegenheiten, diese zu registrieren und sich nicht zu verweigern, uns Ihrerseits sowie den Ministerien und allen Regierungsinstitutionen Georgiens jede erdenkliche Unterstützung bei der Erfüllung, der dem Jesidischen Nationalrat im Allgemeinen und uns von diesem genehmigten Aufgaben im Besonderen zu gewähren.

Unterschriften: Lazo, A. Babov

Tiflis

23. Juli 1919

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PROTOKOLL

Generalversammlung der in Tiflis lebenden Jesiden

17. Juli 1919, Tiflis

In der Unterkunft der Ortachal-Kaserne wurde eine Generalversammlung der Jesiden abgehalten, um das Schicksal der Jesiden und die Gründung eines besonderen Nationalrats zu erörtern, der mit dem armenischen Nationalrat in Verbindung treten soll, um gegenseitige friedliche Aktivitäten zum Wohle der Allgemeinheit zu ermöglichen. Das Treffen wurde im Namen von Mosul-Mir Ismail Babao (Anm. d. Red. damit ist Mir Ismail Chol Beg gemeint), dem obersten spirituellen Oberhaupt, auf Vorschlag des ihm speziell zugeteilten Lazo und auf Einladung des Organisationskomitees einberufen. Mitglieder des Organisationskomitees:

Tayar Kure Hudo, Ayib Kure Ozman, Tafur Kure Nabi.

An dem Treffen nahmen etwa 80 Personen teil. Lazo und Sekretär Vahan Ghazaryan wurden einstimmig zum Vorsitzenden der Generalversammlung gewählt.

Es wurde beschlossen, hier den Jesidischen Nationalrat mit fünf Mitgliedern zu organisieren.

Folgende Kandidaten wurden vorgeschlagen:

Lazo, Ingenieur.

Arshak Babov, Tafur Kure Nabi, Ayib Kure Ozman, Tayar Kure Hudo, Hassan Kure Hudo, Karaman Kure Tegir, Shuab Tahtin, Lazgi Kure Sado.

Auf dem Wahlzettel wurden sie einstimmig gewählt:

Lazo, Arshak Babov, Tafur Kure Nabi, Ayib Kure Ozman und Tayar Kure Hudo durch Mehrheitsbeschluss. Die ersten beiden gelten als autorisiert und berechtigt, alle Arten von Einsprüchen und Mitteilungen im Namen der Jesiden sowohl an die Regierung als auch an andere Nationalräte zu richten. Der Rat soll wöchentlich tagen und trägt den Stempel “Nationalrat der Tiflis-Jesiden”.

Es wurde beschlossen, dass zunächst die Frage der Versorgung dieser bedürftigen Menschen zumindest mit Brot geklärt werden sollte.

Die Unterschriften:
Tafur Kure Nabi
Ayib Kure Ozman
Tayar Kure Hudo

Karaman Kure Tegir

Vorsitzender Hakob Ghazaryan /Lazo/

Sekretär V. M. Ghazaryan

Anwesend: Vaginak Keroglyan, Zoro Terzian.

Mit der absoluten Wahrheit:

Vorsitzender der Generalversammlung Lazo

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Ein Beamter mit außerordentlichen Vollmachten des Premierministers

28. Oktober 1919

№19191

Als Antwort auf die Berufung Nr. 1360 vom 18. Oktober dieses Jahres teilt das Kanzleramt mit, dass der Genosse Innenminister nichts gegen die Einrichtung und Genehmigung des Jesidischen Nationalrats einzuwenden hat.

Direktor M. Gegeladze

Abteilungsleiter A. Chikovani

Fallbearbeiter G. Mdinaradze

Die Dokumente wurden von Dimitri Pirbari zusammengestellt. Die Erstveröffentlichung fand im Magazin «Новый Взгляд» №6 (1), январь, 2012, zu dt.: „Novy Vzglyad” №6 (1), Januar, 2012 statt. Nachzulesen ist der Artikel in russischer Sprache auf www.Yezidi.ge