Vom Fluchtort für Êzîd_Innen aus Gaziantep um 1900 zum gegenwärtigen Ort der Vertreibung von Êzîd_Innen.

von Philipp Bernert

Im Zuge der türkischen Militäroffensive auf die kurdische Region unter dem Namen „Operation Olivenzweig“ wurde nicht nur eine kurdische Autonomieregion zerschlagen, die Zivilist_Innen im seit 2011 andauernden Krieg in Syrien Schutz bot, sondern auch die Gemeinschaft der ÊzÎd_Innen in Afrin existenziell bedroht. Afrin gehörte bis zur Einnahme durch die Türkei mit Sheikhan und dem Schingal-Gebiet (arab. Sinjar) im Nordirak zu den drei letzten bestehenden historischen êzîdischen Siedlungsgebieten mit 21 êzîdischen Orten, von denen nur 3 Ortschaften nicht besetzt und ihre Einwohner zur Flucht gezwungen wurden.

Genaue Zahlen über die betroffene Bevölkerung sind nicht bekannt. Realistische Schätzungen des Orientalisten und Ethnologen Dr. Sebastian Maisel gehen aber davon aus, dass bis zum Kriegsbeginn 2011 bis zu 7.000 Êzîd_Innen in der Region lebten, deren Zahl durch Flucht vor dem Krieg bis 2013 auf 5.000 Personen und 2014 auf 4.000 Personen sank und bis 2018 in geringer Zahl weiter abnahm. Sie lebten bis zuletzt als Minderheit vor allem in Afrin Stadt und Aleppo Stadt, aber auch noch in einem miteinander verbundenen Gebiet an traditionell êzîdischen Dörfern, vor allem im Südosten der Region am Afrin-Fluss, dem Joumè-Tal.

Dort lebten sie geschichtlich in 21 êzîdischen Dörfern, von denen sie bis zuletzt in 10 Dörfern noch in der Mehrheit waren, während sie in den übrigen 11 Dörfern bereits seit einem Jahrhundert als bedeutende Minderheit lebten. Nur 3 dieser von Êzîd_Innen bewohnten Dörfer wurden bis März 2018 nicht von der türkischen Armee und ihren islamistischen Verbündeten erobert.

Mit der Einführung der Selbstverwaltung im Jahr 2012 konnten sich Êzîd_Innen aus Afrin in der Regionalverwaltung beteiligen, konnten ihre Sprache „Kurmancî“ in der Öffentlichkeit nutzen und êzîdischen Religionsunterricht in Schulen mit im êzîdischen Zentrum Lalish ausgebildeten Lehrkräften sowie erstellten Unterrichtsmaterialien etablieren. Auch wurde das geschichtlich in der Region gefeierte regionale êzîdische Fest „Taj Hilla“ in dem Dörfern Arsh Qibar und Faqiran 2013 wiederbelebt. Mit der türkischen Militäroffensive sollte sich das alles ändern. Laut der UN blieben nur 136.000 Einwohner Afrins in der Region. Der überwiegende Teil von etwa 170.000 Personen flüchtete nach außerhalb des vom türkischen Militär kontrollierten Gebietes.

Die Autonomie der Region wurde abgeschafft und durch eine hybride Diktatur des türkischen Militärs und ihren islamistischen verbündeten Milizen ersetzt. Regionale Übergangsräte ignorieren die regionalen kurdischen Mehrheiten und werden vor allem aus sunnitisch-arabischen und turkmenischen Männern gebildet, wobei auch zahlreiche kurdische Vertreter der ENKS Parteien ebenfalls beteiligt sind, die während der Besatzung politische Legitimität vortäuschen sollen.

„Kurmancî“ wurde als Verwaltungs- und Unterrichtssprache wieder abgeschafft und durch Arabisch und mit dem in der Region fremden Türkisch ersetzt. Islamischer Unterricht wurde für Schüler_Innen verpflichtend eingeführt und Befugnisse islamistischer Milizen geschaffen, um zum Beispiel die islamische Verschleierung der weiblichen Bevölkerung unter Zwang durchzusetzen. Darüber hinaus werden seit Besetzung des Gebietes vor dem syrischen Regime geflüchtete Islamisten in der Region angesiedelt, die politisch eng mit der türkischen Regierung kooperieren und sich die verlassenen Häuser und Besitztümer in Afrin aneignen. Bis zum 3. Mai 2018 belief sich die Zahl der Siedler aus anderen Teilen Syriens wie Homs und Damaskus nach Auskunft des pro-türkischen Verwaltungsrates bereits auf 25.000 Personen.

Damit schließt der türkische Staat wieder an die osmanische Verfolgung der Êzîd_Innen in der Afrin-Region an, die besonders nach 1858 stärker wurde und nach Einschätzungen des französischen Orientalisten Roger Lescot im Jahre 1936 die Êzîd_Innen in der Region nahezu ausgelöscht hatte Die osmanische Bodenreform von 1858 bedeutete einen Zwang zur Konvertierung zum Islam, die dazu führte, dass die Zahl der êzîdischen Dörfer bereits bis zur Forschung in der Region durch den belgischen Orientalisten Henri Lammens im Jahr 1903 von 47 êzîdischen Dörfer um 12 Dörfer auf 35 Dörfer sanken. Lammens spricht zu diesem Zeitpunkt von etwa 3.000 Êzîd_Innen in der Region.

Die Zahl der Êzîd_Innen sank bis zur Forschung des französischen Orientalisten Roger Lescot um weitere 14 Orte auf 21 Orte, in denen nur in 10 Dörfern eine êzîdische Mehrheit erhalten blieb und nach Angaben der französischen Mandatsverwaltung bis 1939 auf 1.143 Personen sank. Motive zur Konvertierung waren zum einen die Bodenreform, die den Landbesitz nur noch Anhängern einer abrahamitischen Religion wie dem Islam ermöglichte, was der breiten êzîdischen Bevölkerung die Lebensgrundlage nahm und zur Konvertierung zwang. Zum anderen die Angst davor beim Militärdienst für das Osmanische Reich als Êzîde gezielt in abgelegene Gebiete wie in den Krieg im Jemen im Süden der arabischen Halbinsel geschickt zu werden.

Die politische Diskriminierung führte auch zu einem sozialen Ungleichgewicht, das Angriffe und Drangsalierung von muslimisch-kurdischen Nachbarn auf Êzîd_Innen initiierte. Dabei war Afrin trotz der Unterdrückung der Êzîd_Innen in der Region selbst im 19. Jahrhundert Zufluchtsort für Êzîd_Innen aus anderen Regionen. Lescot spricht davon, dass Êzîd_Innen des Stammes Reşkan aus dem Kreis Rumkale der Region Gaziantep (heutige Türkei) zu ihren Glaubensbrüdern bei Afrin stießen und die 4 Orte im Norden der Region Qastal Jindo, Sînka, Bafliyum und Qatmah auf ihre Ansiedlung zurückgehen.

Die Ezid_Innen in der Region Afrin blieben durch die geographische Trennung von den übrigen ezidischen Gebieten im nordöstlichen Gebiet des neuen Staats Syrien, aber auch von den neuen Staaten der Türkei und Irak abgeschottet. Das führte dazu, dass sie in dieser Lage einem besonderen Druck zur Integration und Assimilation in die benachbarten Mehrheitsgesellschaften muslimischer Araber_Innen und Kurd_Innen ausgesetzt waren.

Bei Rumkale hatten sie zwei Heiligtümer. Zum einen das Ziyaret, also den Wallfahrtsort des Sheikh Mend bei Zage (heute: Kızılin) und zum anderen den Wallfahrtsort des Kekê Ezîz bei Kuştam (heute: Güder), welcher besonders von Faqîrs (êzîdischen Asketen) verehrt wurde und ihm der Überlieferung nach als Weggefährten des êzîdischen Heiligen Sheikh Adi gewidmet wurde. Die Reliquien beider Ziyarets konnten 1925 kurz vor der Zerstörung durch die türkische Regierung gerettet und nach Afrin gebracht werden.

Gemeinsam gehörten beide Gebiete, das Afrin-Tal und die Region bei Rumkale, zu einem der ältesten Siedlungsgebiete der Êzîd_Innen, die im 13. Jahrhundert durch Sheikh Mend und seinen êzîdischen Gefolgsleuten besiedelt wurde. Davon ausgehend begründete Sheikh Mend das „Fürstentum Kilis“, dass sich weit über diese Gebiete hinaus bis nach Aleppo und Maraş erstreckte und bis in das 16. Jahrhundert von êzîdischen Fürsten geführt wurde. Es umfasste Êzîd_Innen, Christ_Innen und Muslime und einte friedlich verschiedene Ethnien wie Kurd_Innen, Araber_Innen, Turkmenen und Armenier_Innen.

Mit der türkischen Besatzung wird nicht nur die kurdische Autonomie, sondern auch die êzîdische Geschichte und das friedliche Miteinander der verschiedenen Religionen und Völker ausgelöscht. Zahlreiche Angriffe auf verbliebene Êzîd_Innen wurden im Laufe der türkischen Offensive und danach bekannt. Es folgten die Entführung und Lösegeld-Erpressung von 11 Êzîd_Innen aus dem Ort Qatmah, zahlreiche Zerstörungen von Ziyarets und Zwangskonvertierungen von verbliebenen Êzîd_Innen.

Das Schicksal der Geflüchteten und Verbliebenen aus Afrin darf nicht vergessen werden und die humanitäre Hilfe muss weiterhin erfolgen. Im Zuge der Nachkriegsordnung muss ein Rückkehrrecht für die Êzîd_Innen in ihrem historischen Siedlungsgebiet bei Afrin sichergestellt werden, um dieses Stück êzîdische Geschichte und das kulturelle Miteinander in der Region nicht zu beenden.

Bedeutungen der Markierungen:

rot: êzîdische Mehrheit bis 2018

orange: êzîdische Minderheit bis 2018

gelb: Afrin, Stadtneugründung mit êzîdischer Minderheit bis 2018

dunkelgrün: bis 1900 zum Islam konvertiert

hellgrün: bis 1930 zum Islam konvertiert

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